Bruchsal, Bruchsaler Geschichten

Die Sailermädchen

Bild: Pixelio

Herr Sailer hatte nichts mit Seilen und Stricken zu tun, denn es war ein rechtschaffener Bahnbeamter, der mit seiner Familie in die Wohnung der Frau Tatra einzog.

Herr Sailer grüßte immer freundlich, und seine zwetschgenblaue Uniform und seine rote Dienstmütze gefielen mir ganz ungemein. Wenn er zivil daherkam, war er gar nicht mehr so ungemein interessant.

Er hatte eine Frau, die gequält in den Tag lächelte, denn Frau Sailer hatte einen Tumor im Kopf, den man damals nicht herausoperieren konnte. So sagte Mama, ich solle das launenhafte Grüßen der Mitbewohnerin nachsehen, und zusehen, dass ich stets und artig dennoch einen guten Tag wünschte.

Sailers hatten drei Töchter. Die älteste hieß Christine und arbeitete in Karlsruhe im Kaufhaus Karstadt als Dekorateurin. Sie war ganz zart und durchsichtig und für meine damaligen Begriffe sehr hüsch und wundervoll angemalt.

Sie hatte ein besonders liebes Wesen und mochte mich sehr, strich mir über den Schopf und brachte mir hier und da Dekorvögelchen, bunte Bänder und Schleifchen mit. Sie erzählte mit nicht viel Worten von ihren Schaufenstern, ihren Überschuhen und ihrer Sprühkreide, womit sie dicke Schlagzeilen auf die Gläser schreiben durfte. Mein ganzer Wunsch, der wohl einen halben Monat anhielt, war deshalb Dekorateurin zu werden.

Christine besaß noch zwei Schwestern, die zwar Zwillinge waren, und sich doch nicht ähnlich sahen. Ich bin mir sehr unsicher, ob sie Ursel und Sigrid hießen, aber sicher weiß ich noch, dass sie einen Golfschläger für die Sommerwiese und einen Golfschläger für das Glatteis auf ihren Fahrradgepäckträger spannten.

Sie fuhren bei Wind und Wetter und Schnee mit dem Rad, hatten meist erhitzte Gesichter und kaum Zeit zum Grüßen. Sie wirkten gar nicht wie hübsche Backfische, sondern wie zu groß geratene Flegel. Wenn sie nach Hause kamen, nahmen sie drei Stufen auf einmal, und wenn sie fortgingen, kauten sie noch ein Butterbrot und einen Apfel. Im Sommer belegten sie oft stundenlang die Federballspielwiese und wir Kleinen getrauten uns nicht gegen die stämmigen Mädchen aufzumüpfen.

Ich weiß noch genau, dass ich mir damals Gedanken machte, warum Christine so leise und lieb in ihrer Art mir begegnete und immer guter Laune, wie ihr Vater, grüßte. Und ich fragte mich auch, warum die Schwestern so ruppig und rauh mit der Umwelt umsprangen, und so knapp und meist ohne Gruß an mir vorbeisprangen.

Damals begriff ich noch nicht, dass ein Apfel unter einem Birnbaum liegen kann, und dass zwischen Schaufenstergestaltung, Lokomotive, Kopfweh und Golfschläger manchmal ganze Welten liegen! …

© Barbara Mitteis

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