Bruchsal, Bruchsaler Geschichten

Der Herrgottsmüller

Herr Müller hatte auf dem Kopf keine Haare mehr! Dafür besaß er eine Reihe quittegelber Zähne, eine Frau, zwei Kinder und ein Kolonialwarengeschäft. Zwischen Mehlsäcken, Ramaschachteln, Eiern, Schnürsenkeln, Schokoladentafeln, Kaffeebohnen und Reiskörnern hüpfte er geschäftig hin und her.

Herr Müller war kein besonders frommer Mann, aber die Leute nannten ihn Herrgottsmüller, weil er inmitten seines Gerümpels an einer Seitenwand mindestens zwanzig Kruzifixe zum Verkauf anbot.

Wenn ich einkaufen ging, sah ich oft zu den Kreuzen hin und wusste, dass der arme liebe Heiland lieber in zwanzig Wohnungen gehangen wäre, als an einer verschlissenen Tapete.

Herr Müller war immer freundlich, nahm meine Zettelchen entgegen und tat die Waren in die große Tasche. Am Liebsten sah ich ihm zu, wenn er die Hühnereier durchleuchtete oder aus dem großen Bonbonglas das kleinste Himbeergudi herausfischte.

Herr Müller fuhr am Sonntag mit einem kleinen Schiebewagen den Sportplatz entlang und verkaufte Bier, Waffeln, Salzbrezeln und Limonade. Die Nachbarschaft schimpfte über seinen fahrbaren Bauchladen und hieß ihn einen Sabbatschänder. Herr Müller nahm dies sehr gelassen hin.

Manchmal bahnte ich mir einen Weg durch die vielen leeren und gefüllten Kartons und besuchte Frau Müller, Sonja und Herbert in der Küche. Frau Müller war eine sehr hübsche kleine Frau, stammte aus Bludenz und erzählte mir viel von den hohen Bergen, die im Winter mit Puderzucker bestreut wurden. Sonja sprach sehr langsam, trug meist eine Gretelfrisur und begriff nicht ihre Hausaufgaben. Herbert las in einer Ecke Karl May und war sehr ungehalten, wenn ihn eine Squaw störte!

Frau Müller schenkte mir manchmal eine Tasse Kakao ein und türmte einen Berg Kekse auf, den ich unverschämter Weise auf aß, da Mamas Auge nicht über mich wachte.

Herr Müller hatte einen heimlichen Spieltrieb. Er fuhr einmal in der Woche nach Baden-Baden und spielte dort Roulette. Frau Müller half ihm die Chips zu setzen und zu verlieren. An einem Abend soll Herr Müller 50.000 gewonnene Mark in 100.000 verlorene Mark investiert haben. Herr Müller verlor noch mehr! Seine Frau lief ihm mit den Kindern davon, sein Haus mit dem Laden kam unter den Hammer und ihm blieb nur eine Dachkammer.

Herr Müller konnte sich nicht einmal mehr die Haare raufen, denn er besaß ja keine mehr. Er war arm wie eine Kirchenmaus.

Manchmal kämmt der liebe Gott oft Jahre später ein Haus und dessen Bewohner durch und findet dabei meist mehr als ein Haar in der Suppe!

© Barbara Mitteis

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