Bruchsal, Bruchsaler Geschichten

Die Frau H.

Die Frau H. beherbergte weder Herr noch Mann, weil sie eine anständige Kriegerwitwe war. Sie bewohnte uns gegenüber eine Dachwohnung und war nicht viel freundlicher als Frau Freund.

Für uns Kinder war es eine große Umstellung von der schönen Villa mit Garten und von den lieben Schweikerts Abschied genommen zu haben, um unter dem Dachjuche eng zusammen zu leben.

Es war aber nur eine Übergangswohnung und die drei Jahre verschwanden im Nichts.

Das Haus wurde damals rasch auf Trümmerresten wieder aufgebaut und seine Wände waren so hellhörig, dass man erkältete Flöhe husten hören konnte. Die angrenzenden Häuser waren keine mehr, denn aus traurigen Ruinenresten rankten sich Winden und Brennnesseln. In der Notstandszeit dachte kein Mensch an den gesunden Brennnesseltee, und die Leute wollten lieber den ungesunden Bohnenkaffee trinken.

Wir Kinder spielten und hüpften in einer tristen Umgebung, sprangen in dunklen Kellergewölben, liefen in Glasscherben, und der modernde Geruch zwischen den Mauerskeletten wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Manchmal kam die Polizei und scheuchte uns Kleinen aus den Trümmervierteln, und dann wurde eine Bombe entschärft oder die brüchigen Überreste abgerissen. Heute noch staune ich, wie unbesorgt und fröhlich wir trotz dem ganzen Elend der Nachkriegszeit im Kinderspiel alles ringsum um uns vergessen konnten. Manchmal rollten noch Panzer zu der Kaserne, aber die kinderlieben Amerikaner verteilten Kaugummistangen und bunte Bonbons statt Bomben und Granaten.

Ich hatte eigentlich nur große Furcht vor Negern, und wenn die langen Lulatsche beim Lachen ihre weißen Zähne zeigten und ich ihre wulstigen Lippen sah, verkroch ich mich meist in eine unscheinbare Ecke. Ich dachte dann an Mamas Witzchen, das ich damals wieder einmal wörtlich nahm und glaubte: „Der Großpapa fraß noch Menschen…“ und sah im Geiste einen großen Kessel und ein zappelndes kleines Mädchen.

So bemalte ich lieber Hauswände und Trottoirs, bis die anderen Kinder mit gefüllten Bonbonhandtellern und verschmierten Mündern wieder um die Ecke bogen und aufgeregt erzählten. Die Hauswände waren zum Abriss bestimmt und die Bürgersteige reinigte ein wenig Regen.

Frau H. ging oft einkaufen, ich grüßte sie artig und sie erwiderte den Gruß, aber ich hatte nie das Gefühl, dass sie sich gerne mit mir abgab. Sie trug eine schwere Einkaufstasche und einen großen Haarknoten und wirkte irgendwie streng.

Eines Tages bekam die ältere Frau eine Treppenallergie. Sie keuchte und schnaubte wie eine alte Dampflok die Stiege hinauf, blieb stehen, legte die Hand aufs Herz und sagte zu mir, wenn ich sie gar zu erstaunt ansah: „Ach Kind! Die vielen, vielen Stufen!“ Mir machten die Stufen gar nichts, denn ich lernte sie ja nicht nur gehen sondern springen und wo das Herz saß, wusste ich nur, wenn es richtig pumperte und klopfte, aus Furcht oder vom Herumtollen. Frau H. klagte nun jedermann im Hause ihre Beschwerden und den Satz: „die vielen, vielen Treppen“ hörte ich nun immer wieder.

Eines Morgens zog Frau H. in eine große helle Wohnung in die untere Etage und diese Behausung wäre gerade für uns passend gewesen, wenn es der herzschwachen Frau gepasst hätte, sie an uns abzutreten. So lebte sie nun alleine in den zu großen Quadratmetern und das schlechte Gewissen grüßte mit in ihren Augen. Aber der Umzug hatte auch sein Gutes, denn ihre Treppenallergie verschwand aufs Mal, und hurtig, wie eine Junge, verschwand sie immer hinter ihrer Glastüre. Die vielen, vielen Stufen hatten sich ja dezimiert. Es gab keinen Bruch zwischen ihr und uns und die Meinungen im Haus blieben zwar geteilt, aber die Summe blieb nur, dass wir unter dem Dach wohnten und sie mehr Miete zahlen musste.

Frau H. blieb mir in keiner schönen Erinnerung. Man setzt nicht Herz und Puste ein, um zu einer besseren Wohnung zu kommen. Man greift sich nicht an Brust und Rücken und täuscht Krankheiten vor, die andere Menschen wirklich tragen müssen oder die im medizinischen Lexikon zu finden sind. Ich weiß nicht, wie das Leben dieser Frau endete, aber etwas ist wohl ganz gewiss. Wie bei allen Sterblichen blieb auch ihr am Ende das Herz stehen und es wurden auch ihr die Hände gefaltet.

Vielleicht sagte sie dann beim Anblick der Himmelsleiter: „die vielen, vielen Sprossen!“ ?

© Barbara Mitteis

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