Bruchsal, Bruchsaler Geschichten

Fräulein Merz – Eine neue Geschichte von Barbara Mitteis

Ich war fünf Jahre alt, als Fräulein Merz zu uns zog.

Es war in der furchtbar schlechten Nachkriegszeit, als die Unterländer Volksbühne verzweifelt für ihre Schauspieler Zimmer suchte. Die dreißig Mark Monatsmiete und die Liebe zur Kunst brachten Mama auf diese großartige Idee ein Zimmer abzuzwacken.

Fräulein Merz kam an einem Abend und war eine imposante Erscheinung. Groß, dunkelhaarig mit einem wunderbar bemalten Gesicht. Ich wurde Fräulein Merzens ergebener Schatten. Sie roch nach Rauch, Kaffee, Salami und orientalischem Blütenwasser.

Ich schleifte meinen Baukasten, meine Wasserfarben, meinen Teddybär und meine Bilderbücher in mein früheres gewohntes Zimmer und ließ mich bei Fräulein Merz häuslich nieder. Während sie ihre Rollen auswendig lernte, war ich mucksmäuschenstill. Ich verstand zwar kaum, was sie aufsagte, aber sie sprach so schrecklich schön nach der Schrift. Manchmal führte Fräulein Merz ein schattenloses Dasein, dann nämlich, wenn ihr Bräutigam aus Frankfurt sie besuchte. Der gute Mann kaufte sich seine Nachmittage mit einer Tüte Bonbon bei mir frei.

Fräulein Merz nahm mich öfters mit, wenn sie in das Jägerstüble zu einem Bierchen und zu ihren Kollegen ging. Da saß ich dann inmitten des illustren Völkchens und hörte und staunte, wie wichtig es war, dass jeder im Leben seine Rolle hatte. Fräulein Merz bekam meist Nebenrollen, was sie nicht gerade glücklich machte. Ich lernte das Wort Intrige kennen und ich wusste auf einmal was eine Premiere war.

Ein einziges Mal durfte ich ins Theater in die Nachmittagsvorstellung. Da spielte Fräulein Merz die Hauptrolle in einem Weihnachtsmärchen. Ich suchte mit meinen Blicken verzweifelt Fräulein Merz auf der Bühne und fand sie nicht, da sie eine Fee darstellte, die eine blonde Perücke trug. Das Stück fiel bei mir unten durch.

Fräulein Merz war einmal überglücklich wegen einem Postboten. Der brachte ihr nämlich den Brief, in dem sie eine winzige Rolle in einem Spielfilm angeboten bekam. Fräulein Merz fuhr nach Heidelberg, schlüpfte in das Kleid einer Krankenschwester, jonglierte ein Tablett in ein Privatzimmer und sprach dabei einen ganzen Satz. Die großen Rollen blieben aus, aber in meinem Leben spielte Fräulein Merz schon deshalb eine Riesen-Rolle, weil sie so lieb zu mir war.

Nach einem Jahr verließ sie uns und ich war untröstlich. Sie bekam ein besseres Engagement, denn sie heiratete den „Süßen“ aus Frankfurt.

Obwohl in ihrem Zimmer die Vorhänge frisch gewaschen waren, die Möbel abgerieben und der Fußboden gescheuert wurden, blieb etwas von Fräulein Merz zurück im Raum. Eine Fotografie von ihr lächelte von der Wand und in der Luft hing noch lange Zeit der Duft von Kaffee , Salami, Zigarettenrauch und orientalischem Blütenwasser!

© Barbara Mitteis

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