Bruchsal, Bruchsaler Geschichten

Zwei Geschichten von Barbara Mitteis

Heute haben wir zwei Geschichten aus dem großen Fundus von Frau Mitteis herausgesucht. Zuerst die etwas traurige Geschichte von der Schwester Bonaventura vom Sancta Maria und danach die lustigere Geschichte von der Bierwirtschaft Krenzle und dem Herrn Pilz. Vielleicht erinnert sich noch der eine oder andere Leser an Schwester Bonaventura, die Eheleute Krenzle und den Herrn Pilz?

Schwester Bonaventura

Wenn ich in meinem Leben je einem menschlichen Engel begegnet bin, dann war es Schwester Bonaventura. Sie war ein Engel der Geduld.

Als ich sechs Jahre alt war, meldete mich Mama im Mädchenpensionat Sancta Maria an, damit ich zwei Mal in der Woche Flötenstunden bekam. Schwester Bonaventura begrüßte mich lächelnd.

Die erste Lernstunde machte viel Spaß, denn wenn ich mit den Fingern die Löcher des Holzstückes verstopfte und ordentlich ins Mundstück blies, kamen tatsächlich Töne aus der Flöte. Ich lernte Noten malen und durfte darunter den Biba-Butzemann, den Fuchs und die dumme Gans, den guten Mond und wie viel Sternlein weiß ich nicht mehr zeichnen. Schwester Bonaventura war sehr nett! Sie hatte eine Engelsgeduld, wenn auch beim fünfzigsten Mal aus dem Fis ein f wurde.

Vier Jahre lang war ich für sie eine Sprosse zur Himmelsleiter. Stets eine Woche vor Heilig Abend durfte ich der Mutter Oberin immer dieselben Stücke vorspielen. Entweder war die fromme Frau sehr schwerhörig, furchtbar unmusikalisch oder höchst kinderlieb, denn sie lobte mich immer, trotz dem falschen Fis! Ich bekam eine große Tüte Weihnachtsgebäck und ein Heiligenbildchen – meist mit dem Jesulein abgebildet – und zog beglückt von dannen.

Oft geschah es, dass die großen Mädchen auf der Treppe standen und riefen: „Die Kleine kommt!“ Ich war mit meinen vielen Kümmernissen in meinem kleinen Kinderherzen immer ein fröhliches Kind. Die Mädchen nahmen mich manchmal auf den Arm und trugen mich in die Küche. Auf dem Stuhl stellten sie mich ab und fütterten mich mit Plätzchen und anderem Naschwerk. Als Gegenleistung musste ich erzählen. Von meinen Brüdern, meinem Wellensittich, meinen Schulaufgaben und meinen Kochkünsten. Ich konnte nämlich damals schon ganz alleine Pellkartoffeln und Quark kochen, Apfelmus und verbrannte Pfannkuchen und kalte Puddings anrühren. Ein Mädchen aus der Pfalz besaß meine ganze Zuneigung und ich malte ihr Zwerge, Blumen und Tiere. Für Schwester Bonaventura häkelte ich Luftmaschen und fertigte aus buntem Reißpapier Bildchen an.

Schwester Bonaventura war im letzten Unterrichtsjahr oft sehr blass und musste viel husten. Aber sie lächelte immer so lieb, auch beim F!

Eines Tages zog ich wieder an der großen Pfortenglocke und eine Küchenschwester öffnete mir die Tür und brachte mich zur Mutter Oberin. Die nahm mich bei der Hand und sagte: „Schwester Bonaventura ging heute Nacht zum lieben Gott.“ Klein und mit gesenktem Kopf ging ich nach Hause. Mama tröstete mich und meinte: „Jetzt musiziert sie mit den Engeln im Himmel.“

© Barbara Mitteis

Die Bierwirtschaft Krenzle und der Herr Pilz

Krenzles hatten eine kleine Bierwirtschaft in einen barackenartigen Gebäude. Frau Krenzle stammte aus Bayern, trug eine Zopffrisur und hatte lustige braune Augen. In ihrem knappsitzenden Dirndl sah sie aus wie die Kathi von Ludwig Thomas Münchner im Himmel. Ihr Mann war ein kleines Zwetschgenmännchen mit einer knallroten Nase, einem glasigen Blick, einer grasgrünen Schürze, die er auf dem Bahnhofsgelände trug, wenn er den Fahrgästen die Koffer schleppte und hatte ein brummiges Wesen.

Oft saß er am einfachen Holztisch und starrte in sein Bier, während die Bauarbeiter und Lastwagenfahrer Politik, Ehekrachs und Arbeitsunlust im Wein ertränkten. Manchmal durfte ich am Samstag Abend bei Krenzles Salami holen. Das war eine aufregende Sache, denn ich musste an Herrn Pilz vorbei, der neben der Wirtschaft in einem baufälligen Zimmer wohnte, Ölbilder malte, ein kariertes Hemd, eine graue lange Unterhose und eine Baskenmütze trug und dreimal am Tag seinen Nachttopf auf die Straße leerte. Betrat ich dann die Wirtschaft, musste ich mich erst durch dicke Rauchschwarten bis zur Theke vorkämpfen.

Im Raum roch es nach Zigaretten, Bier, Schweiß, Schnaps und Salami. Die Männer rissen ihre derben Witze und Frau Krenzle rief sie zur Raison. Geschickt entfernte sie die Pelle von der Wurst und verkleinerte die Salami Scheibe um Scheibe mit ihrer Küchenguillotine. Ich stand da und bestaunte das Zack, Zack.

Frau Krenzle war eine äußerst adrette Person und so nahm ich immer dankbar eine saure Gurke aus dem Gurkenglas als großartige Zugabe entgegen. Ich schlich mich an Herrn Pilz wie am Hund Ajax vorbei, ohne daran zu denken, ihm ein Stückchen Gurke anzubieten. Meine Brüder neckten mich dann immer und frugen: „Na, bist du am Nachttopf gut vorbeigekommen?“ Ich kaute meine Salamischnitten und ließ mir nicht den Appetit verderben.

Eines Tages schlossen Krenzles ihre Bierwirtschaft. Das Gebäude und sie selbst waren wohl zu alt geworden. Herr Pilz starb und das Haus wurde abgerissen.

Ich esse heute noch gerne Salami, aber jene rotweiß gesprenkelte Wurst aus der kleinen Bierwirtschaft um die Ecke bleibt in meiner Erinnerung etwas Besonderes: Ein wenig Butterbrotpapier, ein wenig Bayern, ein wenig Politik, ein wenig Herzklopfen und ein wenig Heimweh nach den ganz einfachen Zeiten.

© Barbara Mitteis

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