Bruchsal, Bruchsaler Geschichten

Der Herr Kretz, Polsterer und Tapezierer

Der Herr Kretz konnte zwar keine Gemüter, aber alte Opa-Lehnstühle und alte Oma-Sofas auffrischen, denn er war Polsterer und Tapezierer.

Er selbst war gar nicht gut gepolstert, denn seine große hagere Gestalt erinnerte an den Münchner Karl Valentin. Sein Gesicht ähnelte eher dem Bajuwaren Beppo Brehm, nur hatte der ältere Herr Kretz ein dottergelbes Riesengebiss, das beim Sprechen hin- und herschaukelte. Ich stand als kleines Mädchen wie gebannt in der winzigen Werkstatt und sah dem Mann mit den Tellerhänden beim Reden zu.

Was er sprach war gar nicht so wichtig, es war viel wichtiger, ob die Zähne im Munde standhielten, oder in den Leimtopf fielen. Aber die Unterlippe schaffte es immer wieder, dass die obere Zahnreihe in der Reihe blieb.

Herr Kretz hatte dicke Tapetenbücher, eine heilige Ordnung in der Werkstatt, eine kleine Frau, einen großen dünnen Sohn und eine gaaanz ruhige Tochter. Der Polsterer arbeitete gewissenhaft und gründlich und hatte reelle Preise. Manchmal kam er zu uns nach Hause, und seine Tellerhände drückten auf das Sofa oder auf einen herumstehenden Sessel, und dann schätzte er die Stofflänge und die Füllung und meinte, ein Neubezug würde sich rentieren.

Der Handwerker freute sich an den schönen Möbeln, und für ihn war alles reparabel, wenn nicht gerade die Sprungfedern schon die Sitzfläche durchbohrten. Aber soweit ließ es Mama gar nie kommen.

Der Herr Kretz wuchtete die schwersten Sessel in die Höhe und trug so ein Möbel mit ausgestreckten Armen drei Treppen hinunter.

Wenn er Sessel oder Stuhl wiederbrachte, war alles in bester Ordnung zu einem angebrachten Preis. Trotz kommender Wohlstandsjahre blieb Herr Kretz mit der Familie in dem kleinen Häuschen und in der winzigen Werkstatt und fuhrwerkte dort mit Rosshaar und Gobelin und Hammer und Nägeln, und hie und da durfte ich dabei stehenbleiben und wiederum gespannt warten, ob er sich mit dem Hammer auf den Daumen haute. Aber die Goldknöpfe saßen stramm wie auf einer Militärjacke auf Kanapees und Esszimmerstühlen und seine Hände blieben heil.

Die Massenproduktionen holten die Handarbeit des Polsterers ein, und so wurde der Herr Kretz im Laufe der Jahre zu teuer. Die Zeit blieb nicht stehen, und sein Geschäft lief zwar, aber es lief nicht zum Besten.

Manchmal ging ich halberwachsen an der Werkstatt vorbei, hörte sein Pochen und Hämmern, und manchmal schaute Herr Kretz von der Arbeit auf und grüßte freundlich aus dem Fenster. Es war noch ein Handwerksmann der guten alten Zeit, der mit einem Handschlag hielt, was er versprach. Alles war an ihm echt, bis auf seine Zähne! Aber die hielten ja auch zu ihm!

© Barbara Mitteis

Die Familie Kretz wohnte in der Friedrichstraße

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