Bruchsal, Bruchsaler Geschichten

Das Fräulein Olschewski vom Bruchsaler Waisenhaus

Vier Jahre lang musste ich täglich viermal einen weiten Schulweg laufen, zwei Kilometer hin, zwei Kilometer her am Vormittag, und am Nachmittag gab es ein Da Capo.

Mama fragte mich des Öfteren sehr besorgt, ob der Weg nicht zu anstrengend wäre, aber ich stellte den Schulranzen auf die Seite, und gar nicht verwöhnt schaute ich sie erstaunt an und sagte: „Aber nein, Mama!“ Ob es regnete, stürmte, schneite,hagelte oder Sonnenschein mich begleitete, neben mir liefen meine mir vertrauten Mitschülerinnen, und unsere kindlichen Gespräche verkürzten die jeweils halbe Stunde Anmarsch- und Abmarschstrecke. Wir Knirpse brauchten damals noch kein Telefon, denn was wir uns zu sagen hatten, sagten wir uns direkt.

Wir fanden noch Zeit zum Vertrödeln, besahen Pfützen und Würmer, tauschten Schachteln und Maikäfer, pflückten auf brachliegenden Grundstücken Blumen für den Küchentisch und freuten uns auf die einfache Mahlzeit. Schupfnudeln und Sauerkraut, Pfannkuchen und Apfelkompott, Pellkartoffeln und Quark waren in den Nachkriegsjahren vertrautere Essen als die heute üblichen Hamburgers, Pommes frites oder die immer gleich schmeckende Kinder-Pizza.

Der Kohleherd spuckte noch Feuerzungen, der Aluminiumkochtopf klapperte mit dem Deckel und aufregende Gerüche wie Kotelettes und Schnitzel und Schweinebraten stiegen nur sonntags in die Nase.

Es gab Wintertage, da zog ich halb verfroren die Fäustlinge aus und hängte den Strick mit den Handschuhen über mein dickes Mäntelchen und freute mich auf die Linsen mit Spätzle und stellte mir die Wiener Würstchen dazu eben vor. Ich bemitleide die heutigen verwöhnten Kinderchen aus vollem Herzen. Was für einfache Wünsche werden ihnen vorenthalten, und wie viel Unsinniges ihnen vor die Nase gesetzt? Wie unwichtig war uns indischer Reis mit Currywurst, und eine Frühlingsrolle wäre für uns wohl ein chinesischer Purzelbaum, aber keine Vorspeise gewesen.

Die Ernährung, die Erziehung, die Entwicklung war einfach einfach, so verzwickt das Verstehen manchmal war.

Ich kann mit Bestimmtheit sagen, dass kaum ein Schultag verging, an dem ich nicht zu einem langgestreckten Gebäude hinüber geschielt habe. Es war ein neues Haus, das traurig dastand, und nur manchmal drang Kindergeschrei aus den geöffneten Fenstern. Es war das Waisenhaus.

Mama sagte oft: „Du hast dein Elternhaus, dein Bett, deine Spielsachen, deine Bücher, dein Naschwerk, deine Kleidung, deine Nahrung, das ist nicht selbstverständlich! Viele Kinder haben gar nichts und sind bettelarm.“ Am liebsten hätte ich meinen Rucksack mit allen Freuden der Welt gefüllt und an der Pforte abgegeben, aber ich getraute mich nicht einmal den breiten Eingang zu gehen.

So wusste ich nur, dass die Heimleiterin gut zu den Waisenkindern war und eben tat, was sie tun konnte. Das Fräulein Olschewski sah der Schauspielerin Inge Meisel ungemein ähnlich, hatte das gleiche resolute Auftreten und die selbe Berliner Schnauze. In späteren Jahren bekam ich sie als Religionslehrerin und sie übertraf in ihren modernen Ansichten bei weitem das spätere II. Vatikanische Konzil. Das Fräulein Olschewski ließ die Kinder singen und musizieren, und doch sahen die Waisen recht bedrückt in die Außenwelt und benahmen sich unfrei auf der Straße.

Frau Becker mit dem guten Herzen, war unbeschreiblich gut zu einem Bübchen, das eine Hasenscharte hatte und holte es Sonntag für Sonntag zum Kaffee. Fräulein Olschewski gestattete gerne diese Ausflüge, und das Bübchen wurde ein Bub. Er wollte später ein ganzer Kerl werden und landete immer wieder in Anstalten, die dem Waisenhaus recht ähnlich sahen.

Frau Becker, die den Jungen so gerne glücklich gesehen hätte, wurde wegen ihm mit der Zeit selbst recht unglücklich. Dem Fräulein Olschewski wurden mit den Jahren die schwer erziehbaren Bengels und Gören zu viel, und so zog sie sich von dem diffizilen Posten zurück und zog mit einem angenommenen jungen Mädchen in eine schlichte Stadtwohnung.

Ein paar Mal kam die frühere Heimleiterin zu uns nach Hause, da unser Heim gemütlicher als das ihre war. Sie mochte mich sehr und ich schätzte sie auch, aber ganz langsam begriff ich in meinem Innern, dass Kinder mehr brauchten als Schnauze, resolutes Auftreten, Abfütterung und ein Dach über dem Kopf. Kinder wollen Nestwärme. Und in einem Waisenhaus werden die Kleinen flügge, bevor sie den Lebensweg mit all seinen Stürmen und Regenschauern richtig einschätzen können.

Mein Schulweg war für mich nicht immer leicht, er war aber ein kleiner Lehrpfad. Er brachte mich nicht nur in die Anstalt des Wissens, er brachte mir auch die Erkenntnis ein, dass zwischen den Wörtchen HEIM und DAHEIM eine große Strecke liegt, jedenfalls eine größere als die täglich viermal zwei Kilometer.

© Barbara Mitteis

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