Bruchsal, Bruchsaler Geschichten

Das Christkind kommt auch nach Bruchsal!

Barbara Mitteis

Ich erlebte noch in Bruchsal jene bettelarme Zeit, wo die Geldbeutel noch leer und die Kirchenbänke voll waren.

Damals gab es noch nicht die wirtschaftlich verordnete weihnachtliche Geschäftszeit, der Glaube an Gott und eine bessere Zukunft belebte den Alltag der fünfziger Jahre!

So entsinne ich mich noch lebhaft an meine Kinderwunschliste an das Christkind, die ich ohne Tintenkleckse schrieb und den Brief in den gelben Schalter mit den kalten Händchen und auf Zehenspitzen gab. Ich erinnere mich noch genauso gut an die verschneiten Dächer und gebahnten Bürgersteige, die eiligen Passanten mit ihren kleinen Päckchen, die an der anderen Hand häufig ein Trippelkind mit roten Bäckchen hielten. Alles war sehr geheimnisvoll. Die Zeit selbst schien verpackt in der Stille und doch im Getriebe zu sein.

Wie oft musste Mama mit mir vor die Schaufenster vom Kaufhaus Schneider stehen, damit ich wie die anderen Kleinen die Nase platt drücken konnte. Hei, da gab es Schneewittchen mit den Sieben Zwergen, die sich automatisch bewegten, da stiebte der Trockenschnee zu Boden und das schöne Kind aß erst den Apfel nach Weihnachten, die Kinder wollten ja keinen Sarg und das tote Schneewittchen sehen. Fast jeden Abend bettelte ich, damit der Weg zum großen Weihnachtsmärchenglas führte. Zuhause warteten die Gebäckbleche auf den Backröhrenduft und wir Kinder warteten auf das Christkind.

Komisch war, dass die Puppen kurz vor Heiligabend verschwanden, weil sie dringend in den Spielzeughimmel geholt wurden. Mein Gott, wie sehr glaubten wir damals noch alles und versuchten in der Zeit besonders artig und lieb zu sein, weil der gute Himmel ja alles genau beobachtete und der Heilige Nikolaus und der Knecht Ruprecht genauestens Buch führten!

Erst am 24. Dezember wurden die Bäume in der Stadt aufgestellt und erstrahlten in der Dämmerung. Dann war endlich Bescherung und die Familien scharten sich noch im Wohnzimmer und unterm Weihnachtsbaum und sangen und beteten Altvertrautes und auch bei uns war die gute Sitte alter Brauch. Und unter den Geschenken entdeckte ich die Puppen Renate und Ulrikchen neu eingestrickt und mein Kaufladen mit dem Falschgeld in der Kasse blitzte und blinkte und bot die gefüllten Regale an. Und am ersten Weihnachtsfeiertag trug ich das neue Mäntelchen, Mützchen und den Schal freudig zum Jesuskind in die Stadtkirche.

Oh du arme, reiche Zeit von damals.

© Barbara Mitteis

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