Bruchsal, Bruchsaler Geschichten

Schwester Gertrud

Barbara Mitteis erzählt in nachstehender kleinen Geschichte von „Schwester Gertrud“. Schwester Gertrud war die Diakonissin Gertrud Volpert, die von 1951 bis 1957 am Bruchsaler Käthe-Luther-Kindergarten beschäftigt war.

Schwester Gertrud war Diakonissin und somit protestantisch. Ich protestierte aber keineswegs, als ich im lutherischen Kindergarten angemeldet wurde. Erlebte ich doch zwei Tage lang eine unbarmherzige Kindergartenschwester in einem katholischen Kinderhort.

Der Weg dorthin war weit, die Straßen gefährlich und am gefährlichsten erschien mir die gestrenge Ordensfrau, die gleich morgens um Acht zwanzig nackte Kinderpopos verhaute. Ich bekam keine Tracht, weil ich eine Neuanmeldung war und die Abmeldung am dritten Tage erfolgte.

Schwester Gertrud war ungemein gütig und bestens geeignet für gut erzogene und schwer erziehbare Kinder.

Viele bunte Dinge faszinierten mich als Fünfjährige in dem neuen Kindergarten. Die hübschen Bauklötzchen, die hundert Spielsachen und die lustigen Garderoben-häkchen, die Laubsägearbeiten waren. Wir hängten unsere Mäntelchen und Jäckelchen an Pilzchen und Häschen, an Bäumchen und Rehlein, an Schneewittchen mit den sieben Zwergen und an Glückskäferchen auf.

Am Beeindruckendsten aber waren die kleinen Kinderklosetts. Die stillen Örtchen waren in den Pausen gar nicht so still sondern gut frequentiert, und die Hebel von den Wasserspülungen wurden mehr als notwendig gezogen. Ferkelchen lernten das Händewaschen und so manch Erwachsener hätte von Schwester Gertrud noch etwas mehr Hygiene erlernen können.

Schwester Gertrud ließ uns Muhkuhs malen und die bunten Kreidestifte zauberten auf ein großes Blatt Papier Sonne, Wolken, Bäume, Blumen und Häuschen, in denen kein Mensch wohnen wollte.

Wir sangen „Geh aus mein Herz und suche Freud“, klatschten in die Händchen und erst Jahre später begriff ich, dass Tulipan kein Marzipanschokolädchen war, sondern dass die Tulpe wörtlich verunstaltet wurde.

Das Wichtigste vom ganzen Tag waren nicht die Spiele, sondern das Auspacken des Kinderschultäschchens. Entweder war ein Apfel und ein Brezelchen darinnen oder ein Butterbrötchen und ein Apfel.

Die gute Schwester Gertrud erzählte uns herzzerreißende Geschichtlein und oft und oft aus der Bibel. Wenn ich nach Hause kam, erzählte ich auch und zwar vom Herrn Jesus, und Mama hörte sich alles in Ruhe an und tat, als sei das Neue Testament gerade erst erschienen.

Ich lernte, dass ich zuhause vom lieben Heiland sprechen sollte und im Kindergarten den Herrn Jesus ließ. Die vornehme Anrede gefiel mir ungemein, aber mit den Jahren wurde man mit dem göttlichen Erlöser immer vertrauter und das „Herr“ störte mich sehr beim Beten.

An hellen und freundlichen Tagen durften wir im herrlichen Kinder – Garten Murmeln und Blinde Kuh spielen, Ringelreihen tanzen, auf der Rutsche fahren und mit der Schaukel in die Kastanienbäume fliegen.

Wir Kinder backten auf dem Sandhaufen serienmäßig Sandkuchen, zankten mit dem Schäufelchen um die Bodenrechte und hatten uns wieder lieb. Wir trällerten „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ und ließen den Bi-Ba-Butzemann so lange tanzen, bis ihm der Atem ausging.

Manchmal lief ich in meiner ganzen Kinderglückseligkeit zu Schwester Gertrud und strahlte sie an. Dennoch trat ich ihr zuliebe nicht zum lutherischen Glauben über. Sie lächelte mich oft an, strich mir über den Schopf und sagte Mama, wie gerne sie mich habe. Das war ökumenische Zusammenarbeit und Liebe im praktischen Alltag.

An kalten und regnerischen Tagen ließen wir „Alle meine Entlein“ im Saale schwimmen und klebten emsig rote, gelbe, blaue, grüne, braune, graue und orangefarbene Schnipsel auf die Kartons und ließen Schäfchen, Sonnenblumen, Gelberüben und Quak-Quaks entstehen.

Schwester Gertrud beschäftigte uns mit unendlicher Sorgfalt. Die größte Strafe für ein Bübchen oder ein Mädchen war es, wenn es sein Täschchen zusammenpacken musste, und nach Hause geschickt wurde. Ich durfte immer im Kindergarten bleiben, was mir viel Freude bereitete. Ich hüpfte um vier Uhr nach Hause, berichtete den Ablauf des Nachmittags und hoffte wieder auf einen nächsten kunterbunten Vormittag.

Schwester Gertrud war eine feine Pädagogin, die dennoch nichts lehrmeisterlich erzwang. Ihre gescheitelten grauen Haare, ihr weißes adrettes Häubchen, ihr rötliches Gesicht mit den runden silbernen Brillengläsern, ihre weiße Schürze auf dem einfachen dunkelgrauen Kleid, ihre schwarzen Schuhe und Strümpfe, all das nahm ich bewusst in mir auf, sogar die beiden Sicherheitsnadeln, die den oberen Teil des Schurzes hielten.

Schwester Gertrud: Das bedeutete für mich kleines Mädchen RUHE, SICHERHEIT, LIEBE, VERSTÄNDNIS, GÜTE und GERECHTIGKEIT. Sie war für mich wie ein Obstkörbchen, reich gefüllt mit Erdbeeren, Ananas, Aprikosen, Äpfel und Kirschen, denn sie brachte so viel Frucht in meinem kleinen Leben.

© Barbara Mitteis

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