Bruchsal, Bruchsaler Geschichten

Der Richter Dr. Trips vom Amtsgericht in Bruchsal

Der Dr. Trips

Der Dr. Trips war Amtsrichter, Junggeselle und steckte seine Nase in andrer Leute Angelegenheiten. Das tat er gerne, gründlich und mit voller Berechtigung.

Ich erlebte Dr. Trips am Ende meiner Kindheit und zu Anfang meiner Backfischzeit.

Mit dreizehn Jahren musste ich mit den anderen Schülerinnen einer Gerichtsverhandlung beiwohnen, und diese öffentliche Sache langweilte uns sehr. Kein schwerer Junge und kein schwerer Tresor, kein leichtes Mädchen mit schlecht beleuchteter Straße waren auf der Tagesordnung, sondern ein schüchterner Jugendlicher saß auf der Anklagebank. Mir tat der arme Kerl irgendwie leid, vor einer Gänseschar seine Schutzbehauptungen vorbringen zu müssen. Da kamen ein Zigarettenautomat, das Kleingeld und der schlechte Wille alles haben zu wollen zur Sprache, und da stand der Sündenbock, tat den Mund über die Tat kaum auf, und der Dr. Trips stützte das Kinn mit der Hand und half dem schlechten Gedächtnis des Missetäters nach.

Die ganze Verhandlung lief genauso wenig geschmiert, wie der Zigarettenautomaten-einbruch. Blass setzte sich der junge Vorbestrafte wieder auf die Armesünderbank, und der noch blassere Amtsrichter ließ zwei Zeugen hintereinander kommen; eine streitbare Frau und einen gesichtslosen Mann.

Ich saß in der hintersten Reihe, verstand jedes zweite Wort und beobachtete den Dr. Trips und seine zwei Schöffen.

Dr. Trips hatte tiefschwarze Augen, dunkelbraune Haare, einen tiefschwarzen Talar und eine weiße glatte Haut. Wenn er eine Frage stellte, wellte sich die Haut auf der Stirne und glättete sich wieder, wenn die Antwort glatt und sauber war. Er spielte mit einem Kugelschreiber, sah in die Mädchenrunde, flüsterte den Beisitzern etwas zu und zog die Verhandlung in eine Länge, wie ein Ami sein Kaugummi.

Ganz langsam begriff ich, dass es nicht um eine Glimmstengelaffaire ging, weil die dicke Frau plötzlich Form in die Gerichtsverhandlung brachte. Es ging um ihre Tochter und deren Ehre, die ehrenrührig irgendwo in einer Mädchen-besserungsanstalt saß.

Der junge Mann wollte ein bisschen viel. Er wollte die Tochter, er wollte das Geld und er wollte Zigaretten, und was er an jenem Abend tatsächlich bekam, das wollte der Amtsrichter herausbekommen. Irgendwie verplapperte sich der Angeklagte, oder er bekam kalte Füße, und so ging er baden. Er durfte aber nicht in eine Badeanstalt, sondern kam in eine Jugendstrafanstalt, und der Richter erhob sich, fällte den Urteilsspruch und flatterte mit der schwarzen Robe und einem Aktenbündel aus dem Gericht. Ein anderes Gericht wartete auf ihn, nämlich das Mittagessen.

Manchmal sah ich Dr. Trips zum Amtsgericht laufen. Er bemerkte mich nicht, starrte er doch meist auf den gar nicht interessanten grauen Asphalt. Aber der Asphalt lehrt ja manchmal das Grauen, und so hatte er sicher im Laufe seiner Jahre schwerere Fälle als den Fall des halbschweren Jungen.

Während meiner Lehrzeit begegnete ich in der Großstadt dem Amtsrichter etliche Male und ich starrte ihn unverschämterweise direkt an.

Heruntergekommen wie ein Tippelbruder, karierte Weste und ausgebeulte Hosen, strich er durch die Karlsruher Kaiserstraße. Manchmal war er unrasiert und die glatten Haare hingen halb ins Gesicht.

Ich verstand die Welt nicht mehr, und dumm und töricht sah ich ihm nach. Eines Tages begriff ich den akademischen Clochard. Mama erfuhr vom Staatsanwalt Schubert, dass Dr. Trips gerne ins „Miljöh“ untertauchte. Er studierte Fälle, und jenes praktische Studium vermittelte keine Universität auf der Welt. Er mengte sich in die „Szene“, und saß somit vermeintlich besser zu Gericht.

Dr. Trips starb plötzlich und unerwartet. Kein Messer war zwischen seinen Rippen, ich glaube, sein Herz versagte. Möge Gott geben, dass er immer gerecht richtete und dass ein gutes Herz ein gutes Leben bezeugte!

© Barbara Mitteis

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